Lebenslauf

Rückblick auf mein Leben von 1919 bis 1949

von Herbert Hoffmann

ein Glückspilz

Es gibt so viel Not, Hunger und Elend auf der Welt, doch ich hatte das grosse Glück, eine liebevolle Stiefmutter und einen strengen aber gerechten Vater zu haben.
Weil die Mutter bald verstarb und der Vater mit seinem Beruf und Geschäft, mit  3 Buben von 9, 8 und 4 Jahren und dazu mich als Baby hoffnungslos überfordert war, wollte er mich  - so erzählter er später – in einen mit Steinen beschwerten Sack stecken und im nahen See ertränken- doch hätte er es vergessen. Kaum das Licht der Welt erblickt, hatte ich das Glück am Leben geblieben zu sein.
Mit der Stiefmutter kamen noch ein Halbbruder und eine Halbschwester hinzu und so genoss ich mit 5 Geschwistern eine unbeschwerte Kindheit und eine solide Schulbildung in Berlin-Charlottenburg. Mein Onkel war um 1930 in Anbetracht der damaligen grossen Arbeitslosigkeit dagegen, dass ich zur höheren Schule gehe, weil auch Studenten und Akademiker brotlos und arbeitslos waren. Er meinte, dass ich Mathematik und Fremdsprachen nie im Leben gebrauchen würde.
Als ich 11 Jahre alt war und mir ein Fahrrad wünschte, lehnte die Tante ab. Als ich auf einen Klassenkameraden verwies, der ein Fahrrad besass, sagte sie:
„Du musst nicht auf die wenigen sehen, die mehr haben als du, du sollst auf die vielen Menschen sehen, die weniger haben als du!“
Das war ein weises Wort, das mich mein Leben lang begleitet hat. So blieb ich immer zufrieden mit dem, was ich hatte und lebte fortan immer genügsam und ausserordentlich sparsam, half aber stets den Bedürftigen. Niemals im Leben kannte ich Neid und Missgunst auf Wohlhabende oder Besserverdienende; ich gönnte  ihnen den Wohlstand von ganzem Herzen und dachte: Jedes Haus hat sein Kreuz, wer weiss, welche Nöte auch die Reichen haben mögen.
Mit vierzehn Jahren kam ich aus der Schule. Der Nachbarssohn, Werner Schulz, war von Kindheit an mein Spielgefährte.  Im Gegensatz zu uns, hatte er immer Taschengeld. So kam er mit Zigaretten und animierte meinen jüngeren Bruder und mich zum Rauchen. Meine wirklich gute Stiefmutter hatte es erfahren. Sie schimpfte nicht, sondern nahm mich ins Gebet und sagte: „Bedenke mal, wie viel andere Leute in ihrem Leben Geld für Zigaretten ausgeben, dafür kannst du dir ein Haus kaufen!“
Wie recht hatte sie, und ich nahm es mir zu Herzen und habe nie begonnen zu rauchen. Als bei der Wehrmacht Zigaretten zur täglichen Verpflegungszuteilung gehörten, bestanden andere - bis dahin Nichtraucher – auf diese Zuteilung und begannen zu rauchen. Ich verschenkte meine Zigaretten. Kurz vor Kriegsende suchte ein stark abhängiger Raucher überall nach Zigaretten. Er bot mir den Tausch einer Literflasche Lebertran, den die anderen verschmähten, gegen meine Zigaretten an. Ich nahm jeden Tag davon ein und der Vorrat reichte gerade bis zur Kapitulation. In sowjetischer Kriegsgefangenschaft  hungerten wir, doch ich überstand den Hunger besser als die anderen. Von den Nikotinabhängigen überlebten nicht sehr viele.
Auf Drängen meines Onkels hatte der Vater schon 1930, vier Jahre im Voraus für mich einen Vertrag zur  Bäckerlehre abgeschlossen, damit nur kein Müssiggang aufkomme, denn

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