Lebenslauf - WARUM BIN ICH TÄTOWIERT?

WARUM BIN ICH TÄTOWIERT?

Lebensbeschreibung von Herbert Hoffmann

Tätowierungen kann man nicht abstreifen wie einen Anzug!  Tätowierungen sind eine Entscheidung fürs ganze Leben. Immer mit ihnen leben zu wollen, setzen Entschlusskraft und Beständigkeit voraus, sowie ein festes Bekenntnis zur Tätowierung. Ich habe diese Eigenschaften; ich stehe zu meinem Wort und zu meiner Tat. Dazu habe ich die Freude an Tätowierungen vom Vater geerbt.
Ich entstamme einer Handwerkerfamilie mit ".Landwirtschaft in einer pommerschen  Kleinstadt (Freienwalde im Kreis Stargard-Saatzig). Die gestrengen Eltern er­zogen meine Geschwister und mich nach ihrem Grundsatz, daß der Mansch zu arbeiten und sich selbst zu ernähren hat.
Ringsum wurde sehr fleißig und sehr viel gearbeitet, oft schwer, oft schmutzig.  Die Leute waren derb, hatten schwielige Hände; ihre Lederstiefel waren vom Acker­boden schmutzig oder vom Stallmist, ihre braunen Manchesterhosen und Arbeitshemden waren alt und von Flicken übersät, die alte blaue Arbeitsmütze war von Sonne und Regen ausgeblichen, ihr Schirm stark abgegriffen. Sie lebten bescheiden und sehr genügsam. Tätowierungen waren bei ihnen verbreitet, einfache blaue Tätowierungen auf Armen und Händen. Manchmal sah aus dem grauen Arbeitshemd auch eine Tätowierung der Brust heraus. Bald gehörten nach meiner Vorstellung Arbeitsleute und Tätowie­rungen zueinander.
Ich empfand eine Hochachtung vor diesen anspruchlosen, arbeitsamen und zufriedenen  Menschen. Ihre blauen Bilder und Zeichen auf ihren Armen und Händen fesselten mich und machten mich immer neugieriger. Ich begann, sie bei jedem Tagelöhner, Guts- und Bauersknecht, bei jedem Kutscher, Schäfer und Stallburschen und bei jedem Steinklopfer, Hilfs- und Straßenbauarbeiter zu suchen. Zuerst blickte ich auf ihre Hände und war erfreut, wenn sie tätowiert waren. Wenn sie mit freien Armen arbeiteten, ergötzte ich mich sehr am wunderbaren Anblick der vielen tätowierten Bilder darauf.
Bei höher gestellten, gut gekleideten Angestellten, Kaufleuten und Beamten sah ich  niemals Tätowierungen. Diese Menschengruppe war mir 'Luft', völlig gleichgültig; ich sah sie gar nicht. Dafür wuchs mein Interesse für die einfachen, oft armen, doch tätowierten Arbeitsleute zusehends. Ich bewunderte sie, ich fand sie mutig, wie sie ihre Einstellung und ihr Bekenntnis zur Tätowierung auf Armen und Händen zur Schau trugen.
Zu gern erinnere ich mich an den Schäfer auf Gut Glashagen,  dessen Hand mit einem großen, blauen Stern geschmückt war und an den Steinklopfer beim Chausseebau, dessen Arme, Hände und Finger ganz blautätowiert waren. Je mehr ich darauf achtete, desto häufiger sah ich Tätowierte selbst in unserer ländlichen, großstadtfernen Gegend.
Später sah ich in Stettin und Berlin noch sehr viele mehr: Straßenfeger, Müllkutscher, Zirkusreisende, Steinsetzer, Pflasterer, Maurer, Speditionsleute, Binnen­schiffer, Seeleute, Rummelplatz- und Hafenarbeiter. Jeden einzelnen habe ich be­wundert und mir gesagt: "Wenn Du nur erst größer bist, so mußt Du  auch werden, so mußt Du Dich auch tätowieren lassen!" Jeden einzelnen habe ich bewundert, be­sonders den alten Kohlentrimmer in Stettin mit dem offenen Arbeitshemd und dem großen Segelschiff auf seiner Brust, sowie an den Bauarbeiter in weißer Manchester­hose und durchsichtigem Netzhemd; er hatte nicht nur seine Arme und Hände, sondern auch Brust, Bauch und Rücken voll tätowiert. Bei solchen Anblicken schlug mir das Herz im Halse vor Aufregung, aber ich war noch sehr jung und getraute mich nicht, sie zu fragen. Und ich wollte doch so vieles mehr darüber erfahren und wissen. Schon interessierte mich nichts anderes mehr als Tätowierungen und Tätowierte.
Als ich um die 18 war, faßte ich endlich Mut und sprach den Hafenarbeiter Otto Schinming in einer Hafenkneipe auf seine Tätowierungen an. "Das ist auf den Händen  nur der Anfang", sagte er, zog die Hosenbeine hoch und zeigte auf seine tätowierten Beine und Füße. "Ich habe alles tätowiert von oben bis unten hin!"
Als Rekrut in Stettin habe ich den durch Arbeitsunfall quer-schnittgelähmten ehemaligen Hafenarbeiter Wilhelm Freitag  kennengelernt, dem mein Interesse an seinen Tätowierungen sehr gut tat. Er erzählte mir aus seinem schweren Leben und daß es zum Berufsstolz der Hafenarbeiter und Ewerführer gehörte, viel tätowiert zu sein. Er sass in einem Rollstuhl, entblößte die Beine und zeigte mir seine stark tätowierten Beine und ebenso war er auch auf Brust, Rücken, beiden Armen, Ohrläppchen und der linken Hand tätowiert.(Fotos Nr. 129) Er gab mir seine Adresse und ich durfte ihn zu Hause besuchen. Aus Dankbarkeit schickte ich ihm aus Rußland meine Verpflegungs- und Marketenderzigaretten, besuchte ihn später und blieb mit ihm und seiner Familie über seinen Tod hinaus befreundet.

Unter den russischen Kriegsgefangenen sah ich oft Tätowierte.  Trotz Verbotes mit ihnen zu sprechen, habe ich ihnen Brot, Ölsardinen und Zigaretten zugesteckt.

Als unsere 122. Infanterie-Division im Sommer 1943 in Reval  eingeschifft wurde, zählte ich dort 14 tätowierte estnische Hafenarbeiter.

Ich war noch über 4 Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und  habe das alles einigermaßen gut und gesund überlebt.

Wohl waren 11 Jahre, die besten im Menschenleben unwiederbringlich verloren, doch nutzlos waren sie nicht. Ich habe viel Not und Elend gesehen, miterlebt und gute, tätowierte Menschen kennen gelernt, mit denen ich mich verbunden fühle.

In der Kriegsgefangenschaft sah ich den Maurer Fritz Bludzun aus Berlin mit einem großen farbigen Drachen auf dem Unterarm  und den damals schon 50-jährigen Bäcker Adolf Pelzer aus Schlawe in Pommern. Er hatte Arme und Brust tätowiert und war auch über mein großes Interesse sehr erfreut und unterstützte sehr meinen Wunsch, selbst tätowiert zu werden. Leider ist er bald mit einem Transport nach Sibirien geschickt worden und wahrscheinlich dort umgekommen. Nach meiner Rückkehr habe ich zwischen 1950 und 1980 immer wieder beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes und bei der Heimatortskartei Nordost-Europa und anderen Stellen nach seinem Verbleib - leider ohne Erfolg - geforscht. Niemand weiß von ihm.

Auf einem Holzlagerplatz in Riga sah ich einen alten, ergrauten  Wächter, der beide Handrücken tätowiert hatte. Ich sprach ihn auf Russisch an und er antwortete mir in sehr gutem Deutsch. Der 70-jährige Lette Gustav Wulf war 1905 bei der Meuterei auf dem Panzerkreuzer POTEMKIN dabei und als Seemann bei der russischen Handelsmarine auf Segelschiffen gefahren: dort hatte er sich schon tätowieren lassen. Ich konnte mich jahrelang heimlich zu ihm hinstehlen und mir aus seinem interessanten Leben erzählen lassen. Er war mir sehr zugetan und bot mir bald das DU an. Ich getraute mir als junger Grünschnabel nicht, einen ehrwürdigen Herrn zu duzen, sagte es ihm, daß ich ihn doch lieber mit 'HERR WULF' anreden möchte. Er erklärte mir nun endlich auch, wie tätowiert wird. Ich bat ihn, daß er mich tätowieren möchte. Er wollte es auch tun, doch waren weder Farbe noch Nadeln aufzutreiben. Er fühlte sich verstanden und von mir hochgeehrt, als ich ihm versprach, daß ich mich nach seinem Vorbilde auch meine Hände tätowieren lassen wolle.

Als ich nach meiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in Hof einen alten Straßenfeger mit tätowierten Händen sah,  habe ich ihn gefragt. Er wußte einen alten Tätowierer, den er mit mir in seine Wohnung bestellte.

Ich hatte eine Zeichnung von dem Glaube-Liebe-Hoffnung-Motiv des alten Herrn Wulf, und das ließ ich mir zur Erinnerung an ihn als erstes auf die gleiche Stelle des Unterarmes tätowieren, wie es auch Herr Wulf hatte.

Das Tätowieren war einfach, und ich erkannte sofort, daß ich dafür auch Talent habe und begann auf Ermunterung des Straßen­fegers gleich damit, ihn und alle seine Söhne und Schwiegersöhne zu tätowieren. Alle und auch ich waren begeistert.

Von nun an fragte ich alle Tätowierte, die ich traf, ob sie sich noch mehr Tätowierungen wünschten. Auf diese Weise habe ich 10 Jahre lang als Amateur viele Leute kostenlos tätowiert und mich dabei fortgebildet, bis ich 1960 von einem 75-jährigen Alttätowiermeister sein Geschäft kaufen und übernehmen konnte.
Ich hatte sehr viel Freude an diesem Berufe und hatte Erfolg. Für die jungen Kunden war ich mittlerweile Vorbild geworden und konnte ihnen stets guten Rat geben. Sie hatten Vertrauen zu mir und hörten auf mich, wie auf väterlichen Rat. Sie respektierten es, daß in unserm Hause weder geraucht noch Alkohol getrunken werden durfte. Sehr viele fanden es sogar gut und versprachen, das Rauchen selbst aufzugeben.
Erstaunlicherweise fanden auch sehr viele Rentner zu mir. Sie hatten zumeist etwas verblaßte Tätowierungen, die aufzu­frischen, zu vervollständigen, zu erweitern oder zu vermehren waren. Ich war selbst verwundert, daß über 80-jährige noch so viel Freude und Begeisterung fürs Tätowieren mitbrachten. Da viele erfahrungsgemäß nur eine karge Rente haben, habe ich von Altersrentnern grundsätzlich keine Bezahlung genommen, sondern sie mit Tätowierungen belohnt. In Würdigung dessen, daß sie und ihre Generation mir einst Vorbilder waren, hielt ich mich dafür in ihrer Schuld.
Es waren dankbare Leute, die mir fortan viele junge Kunden zuge­führt haben, was somit doch noch zu einem guten Geschäft wurde.
Als mein Vater 1952 zu Besuch bei mir war und meine Tätowierungen sah, wurde er nicht zornig, wie ich erwartet hatte, sondern sagte begeistert: "Jung' hast Du schöne Tätowierungen; ich wollte zeitlebens welche haben, bin vor lauter Arbeit nur nicht dazu gekommen!" Schade, daß er bald verstarb und nicht mehr erlebt hat, daß ich Tätowierer geworden bin. Er hätte das Versäumte bestimmt mit Fleiß nachgeholt.
Als mein väterlicher Gönner, Herr Jakob Acker, mit 85 Jahren pflegebedürftig wurde, habe ich mein Tätowiergeschäft, meiner Schwester zuliebe, ihrem Sohn kostenlos übergeben. Er hat sich 'ins gemachte Bett gelegt' und uns alsdann vertrie­ben. Es war der größte Fehler meines Lebens, daß ich auf Vorschuß-Vertrauen gebaut und meine Werte und Rechte aus der Hand gegeben habe.

Herrn Acker habe ich bis zu seinem Tode im 88. Lebensjahre im Rollstuhl gefahren und allein versorgt und zu Hause gepflegt. 1990 erkrankte der alte Seemann Adolf Rocksien und wurde zum Pflegefall. Damit er nicht in ein Pflegeheim mußte, habe ich seine Pflege und Betreuung übernommen und gern durchgeführt. Am 27.11.1990 starb er in seiner vertrauten Umgebung.
Seine Grabpflege ist und bleibt, mein Dienst an einen guten Freund und Menschen.

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